Eine Frau im Schatten streckt ihre Hand kämpferisch empor.

Corona: Hilflosigkeit ist nicht gleich Unhöflichkeit

Ich habe letztlich Verständnis dafür, dass aktuell der eine oder die andere durchdreht. Ich erlebe das bisweilen persönlich bis ins nahe soziale Umfeld.

Es ist möglicherweise sogar eine gesunde und der Psychohygiene dienende Reaktion, sich gegenwärtig temporär verrückt zu verhalten. Die jetzt lebenden Generationen haben eine solche Situation ja nie erlebt, wir machen das alle zum ersten – und hoffentlich zum letzten – Mal durch. Wir sollten deshalb miteinander gnädig und nicht nachtragend umgehen. Wir brauchen jetzt viel Geduld miteinander, vor allem aber auch mit uns selbst. In uns allen entfacht die Pandemie – an der kein Mensch wirklich schuld ist – auch Aggressionen, die nach Projektionsflächen suchen. Weil es zumutend ist, weil es unsere Machbarkeits- und Planbarkeitsvorstellungen durchkreuzt. Weil es unseren menschlichen Stolz kränkt.

Selbstverständlich muss man Versäumnisse und Fehler der politisch Verantwortlichen kritisieren und Korrektur fordern, für mich als Oppositionspolitiker gehört das quasi zur Arbeitsplatzbeschreibung und zur beruflichen Pflicht. Selbstverständlich muss man politische Kräfte in die Schranken weisen, die aus der Situation Kapital zu schlagen versuchen. Selbstverständlich muss man sehr laut allen destruktiven Akteur*innen widersprechen, die jegliches Vertrauen in die engagierte Arbeit von Wissenschaft, jedweder politischer Exekutive und zuständiger Behörden zu zersägen versuchen. Selbstverständlich muss man Mitmenschen zurechtweisen, die gerade in dieser Situation Entfremdung von angemessenem Sozialverhalten laut zur Schau tragen (anzeigen muss man sie aber nicht immer gleich zwangsläufig, man muss da mit Augenmaß handeln). Selbstverständlich muss man Falschbehauptungen zu Infektionsschutzmaßnahmen und Impfangeboten ganz entschieden widersprechen und Lügen als solche benennen, auch wenn das Ärger einbringt. Die „Patriot*innen“ dieser Tage würden sich wehren, als solche bezeichnet zu werden. Und jene, die sich so bezeichnen, sind keine und waren es noch nie.

Die in alle möglichen Belange des Alltagslebens jedes einzelnen Menschen verästelten Folgen der politischen Entscheidungen vom 5. Januar in Bund und Ländern müssen jetzt durchdekliniert werden, es muss darüber gestritten, es darf darüber und dagegen geklagt werden. Es hat ja Auswirkungen auf basale Einzelheiten individueller Lebensvollzüge. Was falsch ist, muss korrigiert werden. Im Anliegen, die aktuelle Herausforderung zu bewältigen, muss die Gesamtgesellschaft aber zusammenstehen, über parteipolitische oder weltanschauliche Unterschiede hinweg. Diejenigen, die sich gegen das Bedrohliche in esoterische, politisch extremistische oder religiös motivierte Parallelwelten flüchten, muss man ansprechen und konfrontieren, man muss mit ihnen streiten, man muss sie oft aber auch schlichtweg erdulden und mit hindurchtragen durch diese Tage. Mitunter sind es einfach Menschen, die keine anderen Bewältigungsmechanismen gefunden haben.

Keineswegs jedenfalls sollte man aktuell vorschnell ernst oder allzu persönlich nehmen, wenn man (analog oder digital) angepöbelt wird. Meistens ist man nicht persönlich gemeint, sondern die hilflose Wut von Menschen sucht lediglich nach Gegenübern. Man muss sich dabei nicht alles gefallen lassen, aber man sollte großherzig und geduldig sein.

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